Andreas Liebmann
Andreas Liebmann absolvierte eine Schauspiel- und Theaterpädagogikausbildung an der Zürcher Schauspielakademie. Er arbeitete zunächst als Schauspieler am Theater Zwickau und freischaffend unter anderem am Theater Neumarkt in Zürich mit Regisseuren wie Volker Hesse und Stephan Müller. Seit 2002 lebt und arbeitet Andreas Liebmann als Schauspieler und Regisseur vornehmlich in Berlin, wo er mit zwei ehemaligen Kommilitonen die Performancegruppe Gaststube° gründete. Nachdem er bereits für eigene Performances die Texte selbst verfasste, nahm er mit dem Projekt „Schnitt – theatermaterial“ beim Autorenprojekt Dramenprozessor am Theater Winkelwiese in Zürich teil, dessen Uraufführung im Zürcher Schauspielhaus stattfand. Mit “Explodiert” ist Andreas Liebmann auch beim Autorenworkshop am Berliner Theatertreffen eingeladen. Kontakt: andreas.liebmann@gmx.net
Explodiert
In ganz Europa werden Menschen Opfer einer merkwürdigen Epidemie: Sie explodieren scheinbar grundlos und ohne Sprengstoff... Die Vorkommnisse stehen in einem merkwürdigen Zusammenhang mit dem Leben einer Musikerfamilie, die über zwanzig Jahre harmonisch zusammengelebt hat. Das Glück bekommt unverhofft Risse, als die Mutter die Familie für einen zweimonatigen Studienaufenthalt in Asien verlässt. Die Unvereinbarkeit von Intimität und globaler Entfernung, Eifersucht und verdrängte Ängste bringen das scheinbar so stabile Beziehungsgefüge zunächst aus dem Lot, schliesslich zur Explosion.
irgendwann muss es ja weitergehen, meine frau und ich
vera: thomas
thomas: ich liebe dich
vera: ich muss dir etwas sagen.
thomas: deine haut
vera: ich könnte zwei monate in die mongolei. musik machen.
künstler aus japan, australien, mongolei, deutschland, italien
thomas: berge
vera: was denkst du
thomas: dass ein mann nicht endgültig in einer frau versinken kann,
ist ein unglück
vera: mondkalb
thomas: klingt spannend
vera: willst du mitkommen?
thomas: und wer passt auf anna und christa auf
vera: sind alt genug
thomas: zwei monate
vera: ist ja nichts
thomas: ich bleibe hier und freue mich für dich
vera: du bist ein traum
verbindungen
thomas: thomas, was wir ihnen hier zeigen
vera: vera, ist eine art liebesgeschichte
thomas: zwischen ihr
vera: und ihm
thomas: also zwischen mir
vera: und mir
thomas: wir übertreiben gelegentlich
vera: das ist unsere natur
thomas: es übertreibt
vera: du stehst nicht dazu
thomas: doch, dochdoch
vera: da sind noch unsere töchter
anna: hallo, anna, was wir ihnen hier erzählen
christa: hallo, christa, ist eine art familiengeschichte
anna: wir wollten etwas anderes erzählen
christa: etwas grösseres
anna: aber wir sind wieder hier gelandet
christa: ist nicht so einfach
anna: man bleibt
christa: verbunden, ob man will
anna: oder nicht
christoph:christoph, hallo
christa: mein freund
alle: so in der art ist es passiert
anna: könnte es gewesen sein
christa: war es
vera: wird es sein
thomas: bevors losgeht, machen wir ein fest
die familie macht zusammen hausmusik: thomas klavier, vera geige, anna drums, christa sax, oder ähnlich, der graue clown im tv schaut kurz vorbei
Jasmine Hoch, Mentorin, über "Explodiert"
Andreas Liebmann spielt mit den Worten, seine Sprache ist rhythmisiert, seine Texte sind eigen. Er beherrscht sein Metier das Theater. Die Kraft seiner Sprache und die ihm eigene Musikalität schaffen eine Poesie und damit einen Ausdruck, der besonders ist, gerade heute, in einer Zeit, in der in Kürzeln und oft auf einfachstem Niveau kommuniziert wird.
Auch Andreas nimmt das Rudimentäre unserer heutigen Sprache auf, spielt mit abgebrochenen Sätzen, mit Worten und Sprachbildern und schafft so einen ihm ureigenen Ausdruck, der einen Sog entwickelt, manchmal leicht und lakonisch daherkommt aber auch in einem Monolog eine Wucht und Bilderreichtum entwickeln kann, der fasziniert.
Andreas Liebmann ist Schauspieler. Seine Szenen sind so gut wie ohne Regieanweisungen geschrieben, seine Texte bedienen sich nicht der üblichen Interpunktion, sondern entwickeln mit dem Sprechen ein ihnen eigenes Leben. Sie bieten dem Regisseur und dem/der SchauspielerIn den grösstmöglichen Freiraum.
Sein neues Stück „Explodiert“ erschafft teilweise Situationen, die nicht real sind, ins Phantastische gehen und doch bleibt das Stück in seinem Kern und dem Grundgefühl der Figuren mit der Realität verbunden. Andreas spielt mit den unterschiedlichsten Stilmitteln, das heisst er lässt dem Regisseur die Möglichkeit, reale Situationen mit clownesk spielerischen Situationen zu verweben, die sogar im Kasperletheater enden könnten.
Trotz seiner jungen Jahre setzt sich Andreas formal aussergewöhnlich mit Figuren auseinander, die nicht mehr begreifen, was ihr Leben im ureigensten Sinne ist, was sie in ihrem Leben wollen. Sie werden aus ihren eingefahrenen Bahnen geworfen und kranken an der Welt, die sie nicht mehr verstehen und kranken an sich selber, an ihren Bindungen, die ihnen teilweise das Leben verunmöglichen. Und gleichzeitig suchen sie nach Verbundenheit und Liebe, um in dieser Welt überleben zu können, um zu sich selber zu kommen. Wir nehmen am Auseinanderbrechen einer Kleinfamilie teil. Wir begleiten Figuren, die der Enge einer Kleinstadt entfliehen wollen und auf sich selber zurückgeworfen werden und im buchstäblichen Sinne des Wortes zerrissen werden: nämlich zwischen der Liebe, die sie in sich tragen, ihren Bindungen und damit auch ihrem gelebten Leben und der Suche nach Freiräumen, die ihnen einen neuen Blick auf die Welt und auf sich selbst ermöglichen.
Andreas Figuren entwickeln trotz der Sinnfrage an das Leben eine spielerische Leichtigkeit, Humor und Witz, erträumen sich utopische Welten und am Ende wird der Zuschauer mit der Hoffnung entlassen, dass jeder von uns die Möglichkeit in sich trägt, das Leben zu lieben und zu erleben.
Jasmine Hoch ist Regisseurin (Schauspielhaus Zürich, Theater Lübeck, Nationaltheater Mannheim), Drehbuchautorin und Script Consultant. Sie lebt und arbeitet in Zürich.
Szenische Einrichtung: Martin Engler
Martin Engler studierte Theaterwissenschaft, Philosophie und Politik, bevor er die Schauspielausbildung an der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch Berlin absolvierte. Nach seinem ersten Engagement am Maxim Gorki Theater Berlin arbeitete er als freier Schauspieler und Regisseur in Berlin, u.a. am Berliner Ensemble, Deutschen Theater, Hebbel Theater, an der Volksbühne und an der Schaubühne. In dieser Zeit arbeitete er mit Regisseuren wie Thomas Ostermeier, Katharina Thalbach, Jan Bosse, Ronald Steckel und Gian Manuel Rau. Seit der Spielzeit 2006/2007 ist er festes Ensemblemitglied am Theater Basel. Neben seiner Tätigkeit als Schauspieler arbeitet Martin Engler als Sprecher für Hörspiele und als Schauspieldozent an der Ernst Busch Schule in Berlin. Im Rahmen seiner Tätigkeit als Ausbilder tritt er auch immer wieder als Regisseur hervor.
Mit
Astrid Meyerfeldt: Vera
Martin Engler: Thomas
Anja Tobler: Anna
Marie Bues: Christa
Thomas Zeuggin: Clown 1
Andreas Liebmann: Clown 2
Freitag, 30. Mai 2008, 19.15 Uhr, Kleine Bühne Theater Basel
Anschliessend: Ad Hoc – Reinhardt Stumm im Gespräch mit der Mentorin Jasmine Hoch