Marianne Freidig
Marianne Freidig, geboren 1968 in Lenk/Schweiz, erhielt für ihre Theaterstücke zahlreiche Stipendien und Preise sowie Einladungen an internationale Festivals. 2000/2001 nahm sie an dem Autorenprojekt Dramenprozessor teil. In der Spielzeit 2005/06 war sie Hausautorin am Schauspiel Stuttgart, wo ihre Stücke „Mañana“ und „Top Kids“ aufgeführt wurden. 2005 wurde ihr Stück „Gift“ am Theater an der Winkelwiese uraufgeführt. Zurzeit schreibt sie an einem Auftragsstück für das Stadttheater Bern. Ihre Stücke sind beim Drei Masken Verlag, München verlegt.
Kontakt: marianne.freidig@bluewin.ch
Neger im Schnee
Das seit Jahren immer unsicherer werdende Klima bringt die Betreiber eines Wintersportortes im Berner Oberland in existentielle Bedrängnis. Die Gründergeneration, die in den fünfziger und sechziger Jahren florierende Skipisten erschloss und vermarktete, sieht ihr Lebenswerk wegen akuten Schneemangels und ausbleibender Gäste bedroht. Als selbst die Modernisierung der Beschneiungsanlagen sich nicht nur als Fehlinvestition erweist, sondern auch die Naturzerstörung vorantreibt, ist guter Rat teuer. Marianne Freidig greift die Folgen des Klimawandels in ihrer Heimat im Berner Oberland auf.
Ernst
Sehr geehrter Herr Gemeindepräsident – lieber Kurt
Martin leise zu Ernst
Jakob.
Jakob
Was sagt er ?
Martin schreit
Jakob. Brüllt Jakob. Das isch der Köbü, Vater, der Köbü.
Karla
Psst.
Ernst
Sehr lieber Jakob...
Jakob murmelt
Ich mag dich auch gern, Ernst. Wie wir gemeinsam den Speichersee gegraben haben.
Karla
Psst.
Ernst
Sehr geehrte Damen und Herren.
„Zwei Dinge können heute die Welt in Bewegung setzen: Die hohe Ingenieurskunst und der menschliche Wille.“ Dieses Wortes des großen Hans Caspar Escher gedenken wir, wenn wir heute die mächtigen Drahtseile betrachten, die, kraftvollen Federstrichen eines heldenhaften und schöpferischen Titanen gleich, das tiefe Blau unseres lieben Oberberger Himmels zeichnen. Was bedeuten uns diese kühnen Federstriche?
Martin und Karla leise
Martin
Wir müssen, sollen wir ihn ins Zimmer. Und später nochmals anfangen mit dem Geburtstag, Geburstag feiern.
Karla
Du willst Vater in sein Zimmer?
Ernst
Sind es die aus einer Laune heraus geborenen Spuren technischer Großmannssucht? Sind es die Stränge, die einen ungeahnten Haufen schnöden Mammons in unsere bedürftige Gemeinde schleppen werden?
Martin zu den Gästen
Es tut mir leid. Mein Vater. Vater nimmt Medikamente. Wir sollten zum zweiten Teil. Vater, wir, Scheisse. Lauter Vater nimmt Medikamente, starke Medikamente, Vater nimmt Medikamente, fast Drogen, die beeinflussen, Drogen, die das Hirn beeinflussen und und, verdammt, und die Scheisse, verdammte Medikamente, Drogen.
Resigniert zu Karla
Schenk Wein ein, egal, irgendwas. Den Roten da, die Erdbeeren, sind sie halbiert, Erdbeersorbet, alles was rumsteht. Bier. Je schneller –
Karla
Ich finds schön, was Papa erzählt.
Martin
Papa ist nicht klar im Kopf. Das findest du schön. Sag mal, bist du, bist du…
Ernst
Oder sind es, wie einige Unverbesserliche in der Vergangenheit es uns glauben machen wollten, jene tückischen Leinen, an denen bald unsere gottgesegnete, ruhige, beschauliche und vaterländisch bescheidene, aber stolze Talschaft weggezogen werden wird, eine verdorbene Steppe hingerichteten Landes zurücklassend?
Peter-Jakob Kelting, Projektleiter des Stück Labor Basel, über „Neger im Schnee“ von Marianne Freidig
„Ich möchte Stücke schreiben, die wie Musik sind.“ Dieses Bekenntnis zur unbedingten Form überrascht aus dem Munde von Marianne Freidig – auf den ersten Blick jedenfalls.
Das dramatische Oeuvre Marianne Freidigs umfasst Theatertexte über verdrängte Familienkonflikte („Manana“, 2001), die hilflose Reaktion überforderter Eltern auf die psychische Erkrankung ihres zehnjährigen Kindes („Gift“, 2003) oder den erbarmungslosen „Rosenkrieg“ eines beruflich erfolgreichen Vorzeigepaares („Top Kids“, 2005). Und in „Ich (15), STRESS“ ringt eine Teenagerin mit ihren Eltern darum, ein HipHop-Konzert besuchen zu dürfen. Marianne Freidig erzählt handfeste Geschichten von ganz normalen Menschen und wenig spektakulären Konflikten, die es nur im Ausnahmefall in die „vermischten Nachrichten“ der Zeitungen schaffen. Und dennoch gelingt es ihr wie kaum einer anderen Autorin, die verborgenen Motive ihrer Figuren wie unter einem Brennglas sichtbar zu machen. Das Mittel, mit dem sie sich an den menschlichen Kern der Väter und Mütter, der Ehegatten und Kinder, die in ihren Stücken die Protagonisten sind, heran schreibt, ist die Genauigkeit, mit der sie sprachliche Eigenheiten beobachtet und in ihren Texten verdichtet.
Marianne Freidig ist eine, die genau hinhört, die – wie sie es selbst formuliert – „ohne Ohrstöpsel durch die Welt geht.“
Marianne Freidig hört auch dort genau hin, wo Entscheidendes ungesagt bleibt, aber sie urteilt nicht. Dieser mitfühlende Blick ist es, der den Lesern ihrer Stücke und dem Publikum ihrer Aufführungen die Menschen, die sie schildert, auf eine unaufdringliche Art nahe bringt, und oft meint man bereits nach wenigen Minuten, sie mit ihren Träumen und Abgründen, mit ihren Stärken und Schwächen zu kennen wie gute Bekannte.
Durchgängiges Thema ihrer ersten Stücke war die Familie. Und auch ihr neues Stück, das sie für das Stück Labor Basel entwickelt, hat seinen Ursprung in ihrem engsten privaten Umfeld. Geboren ist sie in Lenk im Berner Oberland. Und sie ist aufgewachsen in einer prosperierenden Wintersportregion, in der einige wagemutige Pioniere in den sechziger Jahren begannen, ihre bäuerlich geprägte Heimat mit Skiliften und –hängen für den Skitourismus zu erschliessen.
Vier Jahrzehnte später sehen die Helden von einst ihr Lebenswerk buchstäblich ‚bachab’ gehen: Immer öfter bleibt der Schnee aus, immer öfter stehen die Skilifte still, und die Immobilienpreise, die noch vor wenigen Jahren scheinbar unaufhaltsam stiegen, drohen ins Bodenlose zu fallen. Der Klimawandel hinterlässt seine Spuren. „Wahrscheinlich gibt es diesmal keine Gewinner, sondern schleichende, aber stetige Abwanderung aus dem Tal, dessen Berge zwar wunderschön, aber zu wenig hoch sind, um den Gästen heute noch die gewünschte Schneesicherheit zu bieten.“ Diese fatale Ausgangslage nimmt Marianne Freidig zum Anlass für ihr Stück „Neger im Schnee“, das nicht zuletzt eine wehmütige Abrechnung mit der Wachstumsideologie ihrer Elterngeneration ist.
Mentorinnen: Katharina Rupp, Schauspieldirektorin, und Sylvie von Kaenel, Dramaturgin, Theater Biel-Solothurn
Szenische Einrichtung: Heike M. Goetze
Heike M. Goetze, geboren in Osnabrück, machte Regiehospitanzen und –assistenzen u. a. bei Luk Perceval und George Tabori in Osnabrück, Berlin und Zürich. In diesem Sommer schliesst sie ihr Regiestudium an der Hochschule der Künste in Zürich ab. Während des Studiums inszenierte sie „Ein Stück Kabale und Liebe“, „Dinosaurs Forever“ am Theaterspektakel 2007, Elfriede Jelineks „Prinzessinnendramen – Dornröschen“ und „Die sexuellen Neurosen unserer Eltern“ von Lukas Bärfuss. Für ihre Hochschulinszenierung „Spieltrieb“ nach dem gleichnamigen Roman von Juli Zeh erhielt sie im April den renommierten Preis für Junge Regie der Körber Stiftung Hamburg. In der kommenden Spielzeit wird sie „Mondscheiner“ von Andri Beyeler am Theater Basel zur Uraufführung bringen.
Mit Schauspielerinnen und Schauspielern des Theater Basel und Gästen
Sonntag, 1. Juni 2008, 19.15 Uhr, Kleine Bühne Theater Basel
Anschliessend: Ad Hoc – Reinhardt Stumm im Gespräch mit der Mentorin Sylvie von Kaenel