Mirjam Neidhart
Die gebürtige Baslerin Mirjam Neidhart machte nach ihrer Ausbildung an der Scuola Dmitri und der Zürcher Schauspielakademie ihre Lehr- und Wanderjahre als Hausregisseurin an der Landesbühne Wilhelmshaven und als Oberspielleiterin am Theater Die Tonne in Reutlingen und arbeitete an Häusern wie dem Staatstheater Kassel, dem Stadttheater Würzburg und dem Stadttheater Konstanz. Seit 2000 lebt sie wieder in Zürich. Ihre Arbeit mit verschiedenen Kinder- und Jugendtheatern brachte es mit sich, dass sie im Rahmen einer Projektentwicklung auch zunehmend Verantwortung für die Textgestaltung übernahm. Seit 2005 widmet sie sich vornehmlich dem Schreiben und nahm am Autorenprojekt Masterclass 6 des Internationalen Theaterinstituts der Schweiz teil. Ihr Stück “Torschusspanik. Intime Einsichten in die Reproduktionskrise” wurde im Januar 2006 am Thalia Theater Hamburg uraufgeführt.
Kontakt: mail@mirjamneidhart.ch
Illegal. Berichte aus dem Untergrund
Trotz aller immer ausgeklügelteren Methoden, die „Festung Europa“ gegen unerwünschte Eindringlinge abzuschotten, gelingt es jährlich tausenden von Menschen, die scheinbar dichten Grenzen zu überwinden und sich illegal durchzuschlagen. Was treibt sie an? Welche Hoffnungen und Träume begleiten sie auf ihrem Weg ins vermeintlich „gelobte Land“? Und wie gelingt es ihnen, ohne Papiere eine Existenz aufzubauen? Die Baslerin Mirjam Neidhart verwebt Dutzende von Interviews, die sie mit Menschen führte, die sich illegal in der Schweiz aufhalten, zu einem fragilen Geschichtenteppich über ein Leben im Schatten der Wohlstandsgesellschaft.
Ruga Sie stürzen sich auf deinen Ausweis,
machen Fingerabdrücke
Profilfotografien,
doch in Wirklichkeit
sagt deine Hand alles über dich.
Deine Hand.
Sonst nichts.
Nur deine Hand.
Sie müssen sie nur lesen können,
die Hand.
Also,
ich mach das nicht.
So arbeite ich nicht.
Lucy Ich trag keine Handschuhe.
Ich lasse alles fallen
Mit Handschuhen.
Bascha Trägst du Handschuhe?
Valery Ich darf nicht arbeiten.
Bascha Zeig deine Hände.
Valery -.
Ruga Einer mit solchen Händen
hat sein Leben lang zu wenig verdient.
Iami Mein Vater
hat auch solche Hände,
wie du,
er war
Taglöhner auf einem Bauernhof,
Er hat gebauert,
und gemauert,
im brasilianischen Hochland.
Auf einer grossen Farm.
Er hatte ein Haus,
ein Einfaches,
wie alle, die dort arbeiten,
das Nötigste.
Wir konnten leben.
Mein Vater war nie auf der Schule,
konnte nicht lesen,
nicht Schreiben.
Wozu auch?
Er hat ja Hände,
die arbeiten können.
Heute hat er eine Pension.
Davon kann er leben,
hat alles, was er braucht.
zu Valery hast du eine Pension?
Valery -
Ruga Als ich meinem Chef zum ersten Mal die Hand gab,
dachte ich,
das ist nicht die Hand eines Mannes,
Denn du kannst diese Haut von der Hand meines Chefs,
die kannst du nicht von der Haut seines Babys unterscheiden.
Sie fühlt sich an,
Iami Als hätte sie nichts in ihrem Leben angefasst.
Lucy Ausser Geld.
Ruga Auch das nicht.
Geld fassen sie nicht an,
unsere Herrschaften
Das tun nur wir.
Wir tragen es mit uns rum
verstecken es unter der Matratze,
doch sie,
sie fassen es nicht an,
und wenn sie dich bezahlen wollen,
haben sie kein Geld in der Tasche,
nicht weil sie nicht bezahlen wollen,
oder können,
nein,
weil sie es nicht gewohnt sind,
Geld auf sich zu tragen.
Miriam Ehlers, Dramaturgin am Theater Basel, über “Illegal. Berichte aus dem Untergrund”
Die Autorin Mirjam Neidhart gewährt mit dokumentarischem Material Einblicke in einen verdeckten Bereich gesellschaftlichen Lebens: Sie verknüpft über 20 Interviews mit „Illegalen“ in der Schweiz zu einem intensiven Geschichtenreigen über ein Dasein im Schatten der Wirtschaftswunderwelt. In eindringlichen Momentaufnahmen lässt sie Menschen ohne Papiere zu Wort kommen, für die Unauffälligkeit eine Frage des Überlebens darstellt; offiziell nichtvorhandene Menschen, von denen wir wenig bis gar nichts wissen, obwohl sie mitten unter uns leben. Mirjam Neidhart sammelte Geschichten abgelehnter Asylbewerber und Scheintouristen, um ihr risikoreiches Leben aus dem Halbdunkel des Schweigens hervorzuholen. Sie setzt sich sehr genau mit gesellschaftlichen Zuständen auseinander und berichtet nachdrücklich aus dem Leben im Untergrund. Sie montiert aus den bearbeiteten Interviews ein komplexes Bild der Migrationsgesellschaft, der verschiedenen Sehnsüchte der Illegalen und Standpunkte der Schweizer. Es gelingt ihr, intime Szenen verzweifelter Momente und Augenblicke voller Hoffnung in eine wie auch immer gerichtete „bessere“ Zukunft zu destillieren. Dabei reibt sie geschickt dokumentarisches Material an erfundenem, stellt Elemente aus Interviews in den Kontext einer fiktiven Begegnung und schafft eine ungeschönte und berührende Bestandsaufnahme. Gleichzeitig wirft die Autorin einen schonungslosen Blick auf die Schweiz, indem sie Menschen auf der anderen Seite zu Wort kommen lässt: Arbeitgeber, Polizisten, potentielle Ehepartner. Durch den Wechsel der Identitäten (7 Schauspieler übernehmen an die 20 Figuren) setzt sie Perspektiven scharf gegeneinander. Mirjam Neidhart erzählt in ihrem Stück von existentiellen Alltagssorgen und Ausnahmesituationen, von Brutalität und Zuversicht, von Liebe und Verrat in einer fremden neuen Heimat. Fernab jeder Betroffenheit berichtet sie von der Flucht in die Schweiz, den Strategien des Überlebens und davon, wie man trotz allem noch man selbst bleibt. Sie zeigt keine Helden, keine Opfer, sondern Menschen in ihrer ganzen Widersprüchlichkeit.
Miriam Ehlers arbeitet seit der Spielzeit 2006/2007 als Schauspieldramaturgin am Theater Basel. Zuvor war sie als Dramaturgieassistentin am Schauspielhaus Hamburg, als Dramaturgin am Theater Winkelwiese sowie als Dramaturgin zahlreicher freier Theaterproduktionen vor allem in Hamburg und Berlin tätig, wobei sie unter anderem mit der Regisseurin Christiane Pohle zusammenarbeitete.
Szenische Einrichtung: Anina LaRoche
Anina La Roche, 1971 in Zürich geboren, studierte Germanistik und Filmwissenschaft in Zürich. 1996 bis 2000 Studium der Schauspieltheaterregie an der Universität Hamburg, seither als freischaffende Regisseurin tätig. Zahlreiche Inszenierungen in der freien Szene, u.a. regelmässige Zusammenarbeit mit der Autorin Marianne Freidig (zuletzt GIFT, UA 2006 ). Sie inszenierte zudem am Schauspielhaus Zürich, Theater Basel und am Stadttheater Bern. Sie arbeitet auch im theaterpädagogischen Bereich, inszenierte mit Jugendlichen Stücke am Vorstadttheater Basel und war Mentorin für Diplomschüler an der Schauspielschule Zürich. Sie lebt mit ihrer Familie in Basel.
Mit Schauspielerinnen und Schauspielern des Theater Basel und Gästen
Samstag, 31. Mai 2008, 20.00 Uhr, Schauspielhaus Theater Basel
Anschliessend: Ad Hoc – Reinhardt Stumm im Gespräch mit der Mentorin Miriam Ehlers